Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren

   27.08.13 11:47
    liusuifeng@yandex.com

http://myblog.de/layla-may

Gratis bloggen bei
myblog.de





Isolation

ISOLATION

Ich liege auf dem dreckigen Boden einer nahezu menschenleeren Metro-Station. Personen umringen mich, natürlich, aber nach Menschen suche ich vergeblich. Ich habe schon lange aufgehört, diese graue Masse als menschliche Individuen anzusehen. Sie sind grau für mich, grau in ihren Anzügen und Kostümen, grau in ihrer Einfalt, grau in ihrer Überheblichkeit, grau in ihrer Anonymität. Personen sind anonym. Menschen besitzen eine Individualität. Jedenfalls sage ich mir das immer wieder, wenn ich voller Abscheu auf diese Masse blicke. Vielleicht ist es aber auch einfach nur ein jämmerlicher Versuch, meinen fragilen Verstand zu schützen. Denn wenn sie alle keine Menschen sind, dann macht es doch auch nichts, dass sie mich ignorieren. Wenn sie keine Menschen sind, muss ich mich nicht um ihre Meinung scheren. Wenn sie einfach nur Personen sind, dann heißt das für mich, dass ich die wahren, richtigen Menschen erst noch finden muss. Und vielleicht ist eine namenlose Metro-Station in einer namenlosen Großstadt einfach nicht der richtige Ort, um nach Menschlichkeit zu suchen.
Aber so wie ich mich kenne, sind das alles nur schwache Hoffnungen, wie sie zu einem Menschen wie mir passen. Denn ich habe meine Identität gesucht, ich habe meine Menschlichkeit gesucht und gefunden – und erkannt, dass meine Menschlichkeit in Wirklichkeit nur Schwäche, Angst und Unfähigkeit bedeutet. Rational betrachtet ist es meine Menschlichkeit, die mich so erbärmlich macht.
Andererseits ist das alles bloße Theorie. Denn mitten im gelebten Augenblick fühle ich einfach und genieße meine Menschlichkeit, ich erfreue mich an dem einfachen Fakt, dass ich lebendig bin, ich nehme die Schönheit meiner Umgebung in mir auf und spüre förmlich, wie meine Seele aufatmet.
Aber was bringt mir das, wenn diese gelebten Augenblicke immer seltener werden?
Es ist schon seltsam, dass ich – und jeder andere Mensch auch – als Kind viel fröhlicher war als heute. Im selben Maße, in dem mein Bewusstsein für die unverzichtbaren Momente steigt, sinkt die Anzahl eben dieser. Ich bin kaum mehr in der Lage einfach zu fühlen. Der viel gepriesene Geist, der uns steuert, die intelligente Essenz unseres Seins, die uns zu technischem Fortschritt und Industrialisierung verholfen hat, zerstört unser eigentliches Leben. Ich bin gefangen in einer Welt aus Theorie, einer Welt aus Gedanken, die im praktischen Leben keine Bedeutung haben. Und doch kann ich sie nicht ignorieren, ich kann ihnen nicht entfliehen. Sie scheinen mich zu verhöhnen, sie zeigen mir mit kaltem Zynismus, wie erbärmlich mein aktives Handeln und impulsives Fühlen nach meinen eigenen Überlegungen doch sind.

Ich schreibe all das in mein Notizbuch, dessen persönlicher Wert einem Außenstehenden aufgrund des halb gerissenen Einbands und der teilweise geknickten Blätter wohl kaum auffallen würde. Aber das ist nun mal eines der wenigen Vergnügen, das ich mir täglich erlaube: andere durch die Wandelbarkeit der äußeren Erscheinung verwirren. Es gibt mir eine beinahe perverse Freude, mit meinem Aussehen zu spielen. Manchmal zwänge ich mich in Korsett und Minirock, um in den schockierten und empörten Blicken zu baden, stets in dem Wissen, dass ich mein Abitur mit 1,2 in der Tasche habe. An anderen Tagen schlüpfe ich in einen schicken Hosenanzug, steck meine Haare hoch und setze eine dieser wundervollen Sekretärinnen Brillen auf, die ich so liebe. Und während ich also für alle Welt autoritär und intelligent aussehe, kaufe ich mir die neueste Playboy-Ausgabe und beschalle meine Mitmenschen mit den Blastbeats aus meinen Kopfhörern. Black Metal für die Massen.
Doch selbst dann ist es letztendlich die kalte, verächtliche Stimme in meinem Kopf, die zuletzt lacht – über mich. Denn in jedem Kostüm steckt ein Stück von mir selbst. Mit jeder Verkleidung entblöße ich mich nur weiterhin, ohne es mir selbst einzugestehen. Wahre Stärke wäre es ja, einfach zu sein, ohne auf all die anderen zu achten. Ich definiere mich über die Meinung anderer. Ich brauche Anerkennung. Ich bin menschlich. Ich bin erbärmlich.
Und all meine Gedanken kreisen in Spiralen um dieses Thema. Die menschliche Schwäche. Die persönliche Schwäche. Gegensätze, und doch so gleich. Dunkelheit. Und immer diese Stimme im Hinterkopf, deren kaltes, erbarmungsloses Gelächter mir den Schlaf raubt und mich triezt: DU bist es doch, die diese Isolation gewählt hat. DU bist die Schwäche. DU bist alles, was du verachtest. Du hast dich grundlos in die Dunkelheit gestürzt, weil dir die Kraft fehlt, dich aufzuraffen.

Wenn ich an diesem Punkt angelangt bin, muss ich mein Notizbuch zuschlagen. Ich weiß, was passiert, wenn ich weiterschreibe. Ich weiß, wo ich dann ende, und ich will es nicht. Aber es ist so gottverdammt schwer. Ich beiße mir in meine Handknöchel, ich werfe den Stift weg, ich kaue auf meinen Fingernägeln, bis das Fleisch aufgerissen und blutig ist, ich zünde mir mit zitternden Händen eine Zigarette an und rauche hastig. In diesen Fällen bin ich aufrichtig dankbar für die giftigen Glimmstängel. Klar, Nikotin hat in Wirklichkeit keinen beruhigenden Effekt. Aber trotzdem fühle ich, wie ich mich mit jedem Zug mehr entspanne. Das liegt daran, dass man durch das Rauchen bewusster und intensiver atmet. Rauch atmend in die Lunge ziehen, halten, wieder ausstoßen und den Weg der grauen Schwaden in der kühlen Herbstluft verfolgen.
Manchmal geschieht es, dass ich in dieser Phase meiner abendlichen Routine angesprochen werde. Vielleicht, weil ich so einen melancholisch verzweifelten Gesichtsausdruck trage. Vielleicht, weil meine Hände bluten. Oder, im banalsten Fall, weil ich wieder mal im Nichtraucherbereich gelandet bin und sich irgendein intolerantes Arschloch gestört fühlt. Letzteres ist fast mein Lieblingsszenario, weil es mir gleich wieder etwas zum Aufregen und gleichzeitig Amüsieren gibt. Mit Mitgefühl, kritischen Nachfragen oder einem aus Langeweile entstandenen „Willst du drüber reden?“ kann ich nicht so viel anfangen. Denn selbst wenn sie sich wirklich für mich interessieren, wenn sie es verstehen, was nützt es mir? Ich kenne sie nicht, all diese Personen an der Metro-Station. Ich möchte sie auch gar nicht kennen, sie sollen grau und unsichtbar bleiben, denn dann bin ich auch unsichtbar für sie. Ein Geist unter Geistern fällt nicht auf. Gleichzeitig schreit es in mir, ich ersticke an Einsamkeit und Isolation, ich ersticke an der Abgrenzung, die ich selbst gewählt habe. Und ich lache über mich, über die Menschen, ich lache und lache und kann gar nicht mehr aufhören. Vielen Dank, ich weiß, dass man sowas durchaus als hysterische Reaktion bezeichnen kann.

Und doch liege ich also auch heute wieder auf einer Bank und werfe meinen Kuli in Richtung Gleise. Meine Hände zittern immer noch, also wird die zweite Zigarette angezündet. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Ha, klingt ja fast wie bei einer Geburt. Was wohl der gute Dr. Lamaze sagen würde, wenn ich Rauchen im Kreissaal anstatt der üblichen Atemtechniken vorschlagen würde, die ja sowieso nicht helfen? In den letzten Stunden vor der Geburt wird es dem Baby wohl kaum schaden, wenn seine große, schwammige, fette Mutter etwas Nikotin in ihren ohnehin schon missbrauchten und vergifteten Körper saugt. Wäre mal interessant zu erforschen, ob das rein theoretisch wirklich funktionieren würde.
Bei diesem Gedanken muss ich lachen, ein trockener, halb erstickter Laut, der dennoch viel zu laut in meinen Ohren klingt. Aber auch das bleibt unbemerkt von der Masse um mich herum. Ihre Blicke gleiten von mir ab, sie nehmen mich nur am Rande ihres Bewusstseins wahr und stufen mich unwillkürlich als unwichtig ein.

Wie in einer Seifenblase liege ich auf dieser verdreckten Bank, starre die ebenfalls dreckige Decke mit den gelb-gräulichen Leuchten an, ignoriere die Menschen um mich herum und schwelge in meinen dunklen irren Gedankengängen.

Bis...
...bis auf einmal ein Schrei meine Seifenblase zerplatzen lässt und mich bis ins Innere erschüttert.
Mit einem Ruck setze ich mich auf und streiche mir ein paar lästige Strähnen nach hinten. Gehetzt blicke ich um mich, durchsuche all diese Menschen um mich herum, die auf einmal viel zu unterschiedlich und viel zu individuell wirken. Da steht eine junge Frau in Daunenjacke, die ausgezehrt und traurig aussieht. Dort lacht ein älterer Mann mit leichtem Bierbauch und einer Brille über etwas, das der andere Mann, ein Intellektueller mit ordentlichen, gebügelten Klamotten, ihm wohl gerade erzählt hat. Etwa fünfzehn Meter neben mir steht eine Mutter mit einem kleinen Kind auf dem Arm, was hin und wieder aufschreit, bis sie ihm das Mäulchen mit dem Nuckel stopft. Auf der anderen Seite stehen einige sympathisch aussehende junge Menschen in schwarzen Bandpullovern mit kaum lesbarem Aufdrücken, wie Geheimschrift, die nur Eingeweihten Sinn macht. Etwas daneben lungert eine Gruppe junger Mädchen rum, die mit ihren Netzstrumpfhosen und dem viel zu grellen Make-Up wohl ihren älteren Vorbildern nachzueifern glauben, es aber doch eher in Richtung Bordsteinschwalbe schaffen. Und zwischendrin all diese geschäftigen Geschäftsmännern in ihren grauen, pardon, anthrazitfarbenen Geschäftsanzügen und Aktenkoffern. Aber sie alle sind unwichtig für mich, ich spüre instinktiv, dass ich weitersuchen muss.
Ich drehe mich um -
Und dort sehe ich sie.
Sie ist etwas älter als ich und wesentlich hübscher.
Lange, dunkle Haare, die ihr strähnig über die Schultern hängen. Ein knallroter, wallender Rock. Durchgeweichte Turnschuh. Schwarze Kniestrümpfe. Ein grauer Anorak. Ein Rucksack, der mehr wie diese Schulranzen aussieht, die man in der vierten Klasse trägt.
Und rote Lippen, die zweifellos diesen markerschütternden Schrei ausgestoßen haben.
Wie paralysiert starre ich sie an. Mein Blick klebt an ihr, ich kann ihn einfach nicht abwenden. Sie sieht nicht besonders aus. Sie müsste grau sein, wie all die anderen hier. Warum ist sie es nicht? Was zum Teufel ist mit ihr los? Und was, zur Hölle, ist mit MIR los?!

Doch all das denken hilft wie immer nichts, denn es ist wieder einer dieser Augenblicke. Und schon sehe ich, wie meine Hände sich bewegen und meine dunkelgrüne Stofftasche aufheben. Meine Füße stellen sich wie von selbst parallel nebeneinander auf den Boden, bevor sich mein ganzer Körper unfreiwillig erhebt und ich wie im Schlaf zu der unbekannten Sirene herüberstolpere. Ha, wenn sie wenigstens so eine sirenengleiche Schönheit hätte! Aber nein, sie ist ein ganz normales, wenn auch hübsches Mädchen... war es, bevor ich ihren Schrei hörte.

Und genau in diesem Moment beschließt sie wieder zu schreien.
In Wirklichkeit ist es eher wie ein halblautes Schluchzen, ein erstickter Aufschrei, dem niemand sonst Beachtung schenkt. Aber ich fühle mich wie magisch davon angezogen, ich schlafwandel bei vollem Bewusstsein auf sie zu und bleibe vor ihr stehen.
Ich starre ihr in die Augen, in diese seltsamen, bernsteinfarbenen Augen, nehme ihre feinen, leicht gebräunten Gesichtszüge wahr, ich erkenne, dass ihre Haare ein seltsames dunkellila sind. Ich sehe sie an und weiß nicht, was ich sagen soll.
Sie starrt genauso stumm zurück.
Und mit einem Mal frage ich mich, was sie da eigentlich sieht. Ich habe seit längerem nicht mehr bewusst in den Spiegel gesehen.
Ob meine Haare immer noch diesen verwaschenen Kupferton haben? Sind meine Lippen wieder aufgebissen? Ist wiedereinmal die wenige Wimperntusche, die ich aus irgendeinem Grund immer noch jeden Tag auftrage, verlaufen? Wie sehe ich aus, mit meiner durchschnittlichen Größe, meiner durchschnittlichen Figur, den etwas zu großen dunklen Sachen und den schweren Stiefeln? Heruntergekommen? Jung? Verloren? Oder einfach ganz normal, durchschnittlich? Gefalle ich ihr?
Doch all die Fragen werden mir mit einer einzigen hochgezogenen Augenbraue und einer leicht ironisch klingenden Stimme beantwortet:
„Willst du was bestimmtes?“
Ich schüttel leicht den Kopf, zu mehr bin ich nicht fähig.
Sie zuckt mit den Schultern und meint dann mit einem drohenden Unterton:
„Nun, dann macht es dir doch sicher nichts aus, mich einfach in Ruhe zu lassen.“
Ich kenne diese Worte. Ich habe sie oft genug aus meinem eigenen Mund vernommen. Aber als das Mädchen vor mir sie mit ihrer melodischen, dunklen Stimme ausspricht, da will ich sie auf einmal nicht mehr verstehen. Nein, viel mehr will ich sie an den Schultern packen und schütteln, bis sie mich wirklich ansieht, bis sie endlich mit dieser Abweisung aufhört, bis sie mich endlich an sich ran lässt...
Ich blinzelte.
Ein kleiner Teil meines Bewusstseins zischt mir zu, was ich da denn bitte für abwegige Gedankengänge habe.
Ein anderer Teil übernimmt das Handeln und packt das Mädchen vor mir tatsächlich an den Schulter.
Der dritte Teil lacht wie immer nur leise und bösartig.

Doch sie alle verstummen, als die Sirene wieder einmal ihr etwas verunglücktes Singen von sich gibt.
An ihren verschleierten Augen erkenne ich, dass nicht ich mit meiner plötzlichen Berührung der Auslöser für diesen erneuten Schrei war.
Also schüttel ich sie wirklich, um sie aus diesem Anfall – oder was auch immer das hier ist – zu befreien.
Sie verstummt tatsächlich, nur um gleich wieder loszuschreien. Dieses Mal aber wirklich, und leider auch direkt an mich gerichtet.
„Sag mal, kannst du das mal sein lassen? Ich brauch dein gefaktes Interesse nicht, deine falsche Anteilnahme, du sollt mich einfach in Ruhe lassen, verstehst du das nicht?!“
Und in diesem Moment brennen mir wohl mehrere Sicherungen durch, denn ich hole aus und schlage ihr mit der flachen Hand mitten auf ihre schöne, gebräunte Wange. Ihre Augen weiten sich vor Schock, meine Hand bleibt als roter Abdruck kurzzeitig in ihrem Gesicht zurück, sie fängt an zu zittern.
Ich übrigens auch, weil ich mir einfach nicht erklären kann, was ich da gerade getan habe.
Und als mein Gehirn dann tatsächlich wieder mit dem restlichen Körper verbunden ist, wird mir klar, dass ich sie gerade tatsächlich geschlagen habe, dass ich die Privatsphäre dieser jungen Frau einfach so durchbrochen habe, wo ich meine eigene doch so über alles schätze, und dass es doch gar nicht meine Art ist, sich so für andere zu interessieren.
Verdammt, ich habe sie geschlagen.

Und mit einem letzten fassungslosen Blick auf diese seltsamen, aufgerissenen Augen drehe ich mich um und fange an zu rennen.
9.7.10 21:31


Werbung


Again

Manchmal denke ich wirklich, ich hasse sie. Aber nein, Hass ist ein viel zu starkes Wort, genauso wie Liebe. Belassen wir es lieber bei "Ich habe eine starke Abneigung". Klingt doch super. Es ist ja auch überhaupt nicht schlimm, jemanden nicht zu mögen. Warum auch nicht, all diese lächelnden Gesichter sind doch sowieso nur scheinheilige Fratzen. Wieso sollte ich sie mögen?

Insofern also alles kein Problem. Denkst du.

Denn ich kann nur wütend auf sie sein, wenn ich sie nicht sehe. Ich kann nur sauer und verletzt sein, wenn sie es auf keinen Fall erfahren kann. Vielleicht habe ich auch gar kein Problem mit ihr, sondern mit dieser Situation, diesem Leben und vor allem mir. Und dennoch ist da immer diese Wut, die heiß und kratzig in mir hoch steigt. Genau, heiß und kratzig, haha. Ein Hoch auf alle Scrubs-Fans, selbst wenn ich selbst nicht wirklich einer bin.

Aber ein Blick in ihre so unschuldigen Augen, und schon ist alle Wut verraucht. Ich weiß, dass ich immer noch sauer bin. Aber neben ihr verblassen meine Gefühle, neben ihr verschwindet meine Identität. Ich lächle für sie, freue mich mit ihr. Alles andere ist unwichtig. Sie soll glücklich sein. Als ob in meinem Gehirn einfach etwas aussetzt, ein Hebel umschaltet, der mir sagt "Mach sie glücklich.".

Doch dann, in der Einsamkeit, der Musik durchzogenen Stille, meldet sich wieder die kleine, gemeine Stimme in meinem Inneren, die mir sagt: "Hör endlich auf damit. Sie ist schuld. Sie ist es, sie war es, sie wird es immer bleiben. Immer bist du es, die den ersten Schritt machen musst. Immer wieder rettest du, was zu retten geht. Immer wieder verzeihst du, sagst, dass es in Ordnung ist, dass du sie verstehst. Aber du bist auch diejenige, die unbändige Wut empfindet, du weißt, dass es alles nur wegen ihr ist."
Ich protestiere, ich verstehe wirklich, ich verzeihe gern, denn es gibt nichts zu verzeihen, ich habe sie so lieb, ich würde alles für sie tun und sie dasselbe für mich.
"Nein, würde sie nicht, und du bist viel zu sehr mit dir selbst beschäftigt. Du wirst zerfressen von selbstvergessender Eifersucht, also sag es ihr. Nimm sie dir, oder sage dich für immer von ihr los. Du hasst sie, du liebst sie, du willst sie glücklich sehen und sie zugleich zerstören."
Nein, nein, das stimmt nicht! Ich habe nicht das Recht eifersüchtig zu sein, warum zur Hölle sollte ich eifersüchtig sein?! Aber dennoch weiß ich irgendwie, dass an diesem Punkt etwas dran sein mag. Auch wenn ich sie glücklich sehen will, sie beschützen möchte. Auch wenn ich sie unterstürze, verstehe, mag.

Denn das einzige, was ich jetzt noch erwartet und mir gewünscht habe, war Ehrlichkeit. Selbst wenn ich auch nicht immer ehrlich war, aber SIE hat mich belogen. SIE hat mich verraten, auch wenn es nichts gab, was sie hätte verraten können. Immer war ich diejenige, die reden wollte, die gedrängt hat, auch wenn es so weh tut. Schmerzt. Schlimmer als alle Schnitte und Wunden.

Gleichzeitig schreie ich NEIN so laut ich kann, das ist nicht wahr! Sie war für mich da, sie kümmert sich um mich, sie bringt mich dazu, meine Lethargie zu durchbrechen und etwas mit ihr zu unternehmen, sie ist die aktivere von uns beiden.

Thehe. Die "Aktivere". Wenn das nicht passend ist.

Sie zerreißt mich und weiß es anscheinend nicht einmal. Sie versteht mich wahrscheinlich nicht mehr. Schade, früher war das anders. Zusammen beendete Sätze, gleiche Gedanken, Aneinanderschmiegen, träumen, Ängste aussprechen. Lang, viel zu lang.
Woran es liegt, weiß ich nicht. Erzähle ich ihr zu wenig? Ist es einfach der normale Verlauf? Liegt es an ihr?
Jeden Nacht habe ich eine neue Antwort, die ich mir fiebernd-glücklich überlege und die mir den Atem raubt, bis sie im grauen Licht des neuen Tages genauso verblasst, reißt und in tausend Stücke zerspringt wie all die anderen zuvor.

 Ich kann sie nicht ansehen, und doch brauche ich sie und denke, dass sie mich braucht. Ich bin zerrissen. Und ich werde es ihr nicht sagen. Sie hat uns nie eine Chance gegeben, ihm so viele. Ich habe uns nie eine Chance gegeben und jetzt bin ich eifersüchtig. Er sagt, dass er sie liebt, aber er kennt sie doch kaum. Er sagt, dass er sie mag, und ist ehrlicher als sie. Sie stand mir doch näher! Aber jeder kennt ja die Vergänglichkeit von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Und bin nicht ich immer diejenige, die angeblich alles versteht und ach so tolerant ist? Die all dieses scheinheilige Getue verabscheut, wenn es nicht nötig ist? Die die Notwendigkeit einsieht, sie erfüllt, aber noch mehr hasst? Ich habe doch Verständnis. Also gilt das auch für sie. Auch für ihn. Für die ganze Situation. Ich brauche bestimmt nur ein paar Tage, um mich an den Gedanken zu gewöhnen.

Ich habe kein Recht, verletzt zu sein.

Also bin ich es nicht.

18.2.10 14:35


Pathetic

Aha. Du bist also ein misanthropischer, pessimistischer Soziopath. Sagt deine Psychologin. Wozu du die brauchst, ist mir sowieso schleierhaft. Wahrscheinlich damit dir jemand bestätigt, wie schlecht es dir geht.
Dir geht es immer schlecht, das ist das einzige, woran du denken kannst. Dabei vergisst du völlig, wie gut es dir eigentlich geht. Aber das siehst du nicht, davor verschließt du die Augen. Du würdest dich lieber ins eigene Fleisch schneiden als zuzugeben, dass du eigentlich keine Probleme hast. Und den Konjunktiv kann man da getrost weglassen, nur so nebenbei.
Du bist einfach zu faul, zu bequem, zu träge, um dich aus deiner selbst erwählten Lethargie, die du gern „Depression“ schimpfen würdest, zu erheben. Man könnte ja glücklich sein, und wie würde das zu deinem Image passen? Würde sich dann überhaupt noch jemand für dich interessieren? Wohl eher nicht, du bist nämlich erbärmlich, langweilig und typisch durchschnittlich Mensch. Aber selbst deine „düstere“ und „alternative“ Seite wird nur zu bald durchleuchtet werden, und deswegen hältst du die anderen auf Abstand. Daher anscheinend das „misanthropisch“, hm?
Aber du bist so entsetzlich schwach, dass du – gegen deinen eigenen Willen – immer wieder menschliche Nähe suchst, dich danach verzehrst, weil du selbst – aus gutem Grund, glaub mir – nicht an dich glaubst. Doch auch die anderen werden nicht an dich glauben. Sie halten dich heute noch in ihren Armen, während sie dich morgen schon vergessen haben. Selbst die größte Nähe, die engste Vertrautheit ist zeitlich begrenzt. Und bei jemanden wie dir ist die Zeitspanne noch weitaus kürzer.

Und dann immer dieses düstere, suizidale Gequatsche – selbst wenn es nur in deinem Kopf statt findet. Du hast doch nur Angst davor, Hoffungen zu äußern. Man könnte ja enttäuscht werden, und so schwach wie du bist, verkraftest du das nicht. Also lieber die Hoffung nicht zulassen und sich zum dunklen Geschwafel zwingen und sich selbst schön betrügen. Was anderes kannst du anscheinend nicht.
Ach ja, dein ganzes Ritzen kannst du auch sein lassen. Du hast sowieso nicht den Mut dich umzubringen. Die Angst ist zu groß. Aber du lechzt nach Aufmerksamkeit wie ein sabbernder, besinnungsloser Hund, da sind ein paar rote Linien natürlich hilfreich. Viel Glück, du wirst es doch nicht schaffen, eine Person zu finden, die dich will und mag. Dafür bist du zu beherrscht von Ängsten, zu schwach, zu ERBÄRMLICH. Merks dir endlich.
Wenn du es wirklich wollen und versuchen würdest, könntest du ein glückliches oder zumindest zufriedenes Leben führen. Aber nein, spiel doch lieber den soziopathischen Märtyrer. Und das beste ist ja noch, dass du denkst, anderen Menschen zu helfen und für sie da zu sein. Du bist doch viel zu sehr mit dir selbst beschäftigt, kämpfst mit deinen imaginären Problemen und vergisst darüber all die Menschen, die dir einmal wichtig waren.
Und wenn deine Psychologin dich wieder mal einen misanthropischen, pessimistischen Soziopathen nennt, dann sag ihr doch mal, was du wirklich bist: ein träger, schwacher Feigling, der nach Aufmerksamkeit und Individualität sucht und (so sehr ich es auch hasse mich zu wiederholen) erbärmlich ist.
20.1.10 14:34





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung